Digitale Assistenzsysteme aus Sicht der Wohnungswirtschaft

Juni 2019 – Am 27./ 28. Mai fand der diesjährige Genossenschaftstag des Verbandes norddeutscher Wohnungsunternehmen (VNW) in Hamburg statt. Zu den Programmthemen gehörte unter anderem das Wohnen im Alter und die Frage, welche technischen Lösungen es gibt, damit Seniorinnen und Senioren möglichst selbständig bis ins hohe Alter in den vier Wänden verbleiben können. Um praktische Beispiele für entsprechend ausgestattete Wohnungen kennenzulernen, besichtigten rund 40 Teilnehmer/innen das Musterhaus in Hamburg-Uhlenhorst, das im Rahmen des Projektes “AGQua”* unter tatkräftiger Mithilfe von QDS realisiert wurde. Im Vorfeld hatten wir die Gelegenheit, mit Dr. Kai Mediger, Rechtsanwalt, Referat Genossenschaften, Quartiersentwicklung und Datenschutz, Betriebskostenrecht und Wohnungseigentumsrecht des VNW, über die Thematik digitaler Assistenzsysteme aus Sicht der Wohnungswirtschaft zu sprechen. Lesen Sie hier unser Interview mit ihm.

QDS-Geschäftsführer Reinhard Heymann (links) erklärt VNW-Mitgliedern die AAL- und Smart Home-Funktionen im Musterhaus. Bildquelle: VNW

QDS: Herr Dr. Mediger, der diesjährige VNW/vdw-Genossenschaftstag beschäftigt sich unter anderem mit generationsgerechten Wohnquartieren, wobei insbesondere die Seniorenfreundlichkeit im Vordergrund steht. Warum diese Fokussierung?

Dr. Kai Mediger: Die Bereitstellung von altersgerechtem Wohnraum ist eine der schwerpunktmäßigen Herausforderungen, denen sich die Wohnungswirtschaft stellen muss. Im Jahr 2035 werden ca. 30 % der Bevölkerung über 65 Jahre alt sein und der Bedarf an entsprechend seniorengerecht ausgestattetem Wohnraum wird nach jetzigem Stand bei weitem nicht abgedeckt sein. Auch jetzt schon übersteigt die Nachfrage nach generationengerechten Wohnquartieren das vorhandene Angebot deutlich, wobei insbesondere sozial schwächere Wohnungsbewerber das Nachsehen haben. Das zeigt, welche praktische Bedeutung die Altersentwicklung hat und welche Herausforderungen sie daher an die Wohnungswirtschaft stellt. Mit dem diesjährigen Genossenschaftstag wollen wir uns daher unter anderem mit der Thematik des generationengerechten Wohnens befassen. Dabei geht es uns jedoch nicht nur um das „Wohnen im Alter“ und auch nicht allein um die Zielgruppe der über 65-jährigen Quartiersbewohner, sondern vielmehr darum, die Möglichkeiten eines guten, nachbarschaftlichen und integrativen Miteinanders verschiedener Generationen in einem Quartier auszuloten. Aus dem Grund lautet der Titel des Genossenschaftstages auch
„Menschen. Würdig. Wohnen.“

QDS: Digitale Assistenzsysteme zur Unterstützung von selbständigem Wohnen im Alter spielen während der Tagung ebenfalls eine Rolle. Nun ist Ambient Assisted Living (kurz “AAL” genannt) seit Jahren ein Thema für die Wohnungswirtschaft, zu dem bundesweit diverse Leuchtturmprojekte realisiert wurden, in Hamburg beispielsweise das “AGQua“, zu dem es eine Exkursion geben wird. Doch wie steht es mit dem standardmäßigen Einsatz von digitalen Assistenten? Wie weit sind Ihre Verbandsmitglieder hier, sowohl was die Nachrüstung bestehender Wohnungen betrifft als auch im Hinblick auf den Neubau?

Dr. Kai Mediger: Es ist kein Geheimnis, dass die meisten Menschen auch im Alter gerne in den gewohnten vier Wänden wohnen wollen und dafür entsprechende Unterstützung benötigen, sowohl in sozialer wie auch in technischer Hinsicht. Aus meiner Sicht gibt es aber noch zu wenige Beispiele, bei denen der Einsatz digitaler Assistenzsysteme standardmäßig eingesetzt wird. Zwar wird das Hausnotrufsystem in der Wohnungswirtschaft gerade bei Neubauten immer stärker genutzt. Andere Assistenzsysteme haben sich jedoch meines Erachtens noch nicht signifikant durchgesetzt. Gründe dafür dürften sein, dass einige dieser Systeme noch nicht ausgereift sind oder für die älteren Menschen (als deren Zielgruppe) vielleicht noch nicht einfach genug handhabbar sind. Auch hierzu soll die Exkursion zum Projekt „AGQua“ den Teilnehmern Ideen und Anregungen vermitteln, um technische Möglichkeiten kennenzulernen, die man zuvor nicht so wahrgenommen hat. Ich bin jedoch sicher, dass das Thema „Ambient Assisted Living“ in den kommenden zehn bis fünfzehn Jahren mit der entsprechenden technischen Weiterentwicklung stark an Bedeutung zunehmen wird. Es handelt sich um eine „Branche mit Zukunft“.

QDS: Inwieweit verbinden Wohnungsunternehmen den Einsatz digitaler Assistenzsysteme mit dem Themenkomplex Smart Home, damit ein ganzheitlicher Blick auf das Wohnen der Zukunft entsteht?

Dr. Kai Mediger: Der Begriff “Smart Home” zielt ab auf ein technisiertes und aufgerüstetes sowie vernetztes „Zuhause“ und weist daher verschiedene Berührungspunkte mit dem „Ambient Assisted Living“ auf. Wie bereits in der Antwort zu Frage 2 dargestellt  bedarf es gerade bei älteren Bewohnern auch in technischer Hinsicht besonderer Hilfsmaßnahmen. Mit Hinblick darauf, dass ältere Bewohner einen erheblichen Anteil der Bewohnerschaft eines Quartiers darstellen und sich das in Zukunft noch ausweiten wird, wird auch der Einsatz digitaler Assistenzsysteme beim Themenkomplex „Smart Home“ an Bedeutung gewinnen.

QDS: Wo ist aus Ihrer Sicht Handlungsbedarf, damit digitale Assistenzsysteme auf breitere Ebene angewendet werden, so dass sie im Bestand die Regel sind und im Neubau zum Standard gehören?

Dr. Kai Mediger: Hier Ich erwarte nicht unbedingt, dass der Einsatz digitaler Assistenzsysteme im Bestand zur Regel werden wird und im Neubau zum Standard. Das ist meines Erachtens aber auch nicht notwendig. Denn der Bedarf an digitalen Assistenzsystemen ist zwar durchaus vorhanden für eine nicht unerhebliche Zahl der Bewohnerschaft, aber nicht für alle Bewohner. Der Einsatz digitaler Assistenzsysteme ist immer auch mit Kosten verbunden (siehe auch Antwort zu Frage 5) und macht daher nur Sinn, wenn der Bedarf für die Zielgruppe der Bewohnerschaft auch tatsächlich vorhanden ist. Vor dem Hintergrund des kostengünstigen Bauens halte ich den Einsatz digitaler Assistenzsysteme und vor allem die Weiterentwicklung hin zu kostenoptimierten und vereinfachten Systemen für wichtig für einen großen Teil der Bevölkerung, jedoch nicht für alle Bewohner. Der Handlungsbedarf zur Förderung und Verstärkung der Nutzung digitaler Assistenzsysteme liegt darin, die Systeme in der Nutzung zu vereinfachen und weiterzuentwickeln sowie zugleich die Kosten standardmäßig zu senken.

QDS: Wie sehen Sie die Rolle von Architekten, Planern und Gewerken, damit das Vorhandensein von digitalen Assistenzsystemen in Wohnungen so normal wird wie die Ausstattung mit WC und Heizung?

Dr. Kai Mediger: Vom jetzigen Stand her halte ich es für unwahrscheinlich, dass das Vorhandensein von digitalen Assistenzsystemen in Wohnungen die gleiche Bedeutung erreichen kann wie die Ausstattung mit WC und Heizung. Jeder Bewohner benötigt WC und Heizung, jedoch nicht unbedingt den Einsatz von digitalen Assistenzsystemen. Es ist auch nicht erforderlich, das Ziel zu haben, dass das „AAL“ für die Ausstattung einen gleichen Bedeutungsgrad erreicht wie das Vorhandensein von WC und Heizung. Architekten, Planer und Gewerke können jedoch dadurch dazu beitragen, das Vorhandensein von digitalen Assistenzsystemen in Wohnungen stärker durchzusetzen, indem Ideen und Möglichkeiten entwickelt werden, wie die entsprechenden Systeme vereinfacht und auf die Bedürfnisse der Menschen noch besser angepasst werden. Aus meiner Sicht ist das zum jetzigen Zeitpunkt noch eine Hürde, die es zu überwinden gilt. Daneben stellt der finanzielle Aspekt eine weitere Hürde dar. Der Einsatz digitaler Assistenzsysteme ist vielen Seniorenhaushalten zu kostenintensiv. Pflegekassen können das Wohnumfeld verbessernde Maßnahmen zwar fördern, wozu jedoch wiederum die Bewilligung einer Pflegestufe bzw. eines Pflegegrades erforderlich ist. Kurz und gut: Wenn es gelingt, die Kosten für den Einsatz von digitalen Assistenzsystemen zu verringern, so wird auch die Akzeptanz dieser Systeme in Zukunft noch weiter steigen.

QDS: Kommen wir zu den Chancen, die vernetzte Wohnquartiere für ältere Bewohner bieten können. Welche Ideen gibt es hier von Seiten Ihrer Verbandsmitglieder und welche befinden sich eventuell bereits in der Umsetzung?

Dr. Kai Mediger: Die heutzutage als „ältere Generation“ bezeichneten Bewohner eines Quartiers von über 65 Jahren nutzen das Internet in immer stärkerem Maße und nehmen gerne Teil an Angeboten, die von unseren Mitgliedsunternehmen für die Bewohner eines Quartiers angeboten werden. Die erste Information erfolgt dabei oftmals über das Internet bzw. soziale Netzwerkgruppen. Dabei handelt es sich um „Nachbarschaftstreffs“ in Räumen unserer Mitgliedsunternehmen und um Aktivitäten jedweder Art, die von unseren Mitgliedsunternehmen angeboten werden. Dabei handeln unsere Mitgliedsunternehmen zumeist so, dass sie – quasi als Initiator – Räumlichkeiten zur Verfügung stellen und auch die entsprechende Kommunikationsplattform im Internet vorhalten, das Weitere aber den Mitgliedern der Genossenschaft selbst überlassen. Die älteren Bewohner verabreden sich in den Räumlichkeiten (Gemeinschaftsräumen) und treffen sich zum Kochkurs, zum Kartenspielen oder einfach zum gemütlichen Austausch. Diese Vernetzung der Quartiere wirkt damit einem der Hauptprobleme älterer Generationen entgegen – der Vereinsamung. Trotzdem muss ein älterer Bewohner auch den Willen und das Interesse haben, sich an solchen Aktivitäten zu beteiligen. Allein die Vernetzung reicht nicht aus, um diese positiven Effekte für die Menschen und auch das Quartier zu erzeugen. Es bedarf – wie so vieles im Leben – immer auch einer gewissen Eigeninitiative der Menschen.

* Das Projekt „AGQua – Aktive und Gesunde Quartiere Uhlenhorst und Rübenkamp“ wird aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und der Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz der Freien und Hansestadt Hamburg gefördert.