Markus Fromm-Wittenberg
Markus Fromm-Wittenberg, Leiter Produktlinie Anwendung und Kooperation Gebäudesystemtechnik bei Gira

"Leider verschwimmt der Begriff "Smart Home" inzwischen."

Homenet24.de: Was ist aus Ihrer Sicht der heutige Status quo bei Smart Home in Deutschland?

 

Markus Fromm-Wittenberg: Das Smart Home ist in aller Munde, ganz viele Bauherren wollen eins und auch Renovierer möchten entsprechend nachrüsten. Das ist gut so, endlich ist das Smart Home in der breiten Öffentlichkeit „angekommen“. Leider verschwimmt der Begriff inzwischen aber auch, immer mehr Anbieter preisen „smarte“ Anwendungen, die sich bei genauerem Hinsehen als Insellösungen entpuppen, gleichwohl per App auf dem iPhone gesteuert werden können – etwa eine Jalousiesteuerung oder eine schaltbare Steckdose. Ich verstehe unter Smart Home dagegen wirklich das „intelligente Haus“, also ein System, eine raumübergreifende, gewerkeübergreifende und vernetzte Lösung, die viele, wenn nicht gar alle Wohnbereiche betrifft. In diesem Falle garantiert das Smart Home seinen Bewohnern mehr Wohnkomfort, höhere Sicherheit, ein cleveres und letztlich kosteneffektives Energiemanagement sowie Home-Entertainment, um nur einige Aspekte zu nennen. Smart Home ist eben kein Gadget! 

 

Homenet24.de: Immer mehr Anbieter von Smart Home-Technologien drängen mit Produkten und Lösungen auf den Markt und möchten ein Stück vom prophezeiten Milliardenumsatz abbekommen, darunter viele IT- und ITK-Giganten, also Unternehmen, die nicht aus der klassischen Elektrotechnik kommen. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

 

Markus Fromm-Wittenberg: Hier würde ich differenzieren: Giganten wie Google oder Apple haben erste Anläufe gemacht und diese ziemlich sang- und klanglos wieder abgebrochen. Was nicht heißt, dass sie es nicht noch einmal versuchen werden – dazu ist der milliardenschwere Smart Home-Markt einfach zu lukrativ. Anders sieht es bei den Energieanbietern oder Telekommunikationsanbietern aus, die sind da schon viel weiter und bieten marktreife Produkte an. Doch auch sie haben ein Problem, nämlich ihre Fokussierung auf ihre jeweilige Kernkompetenz. Das führt dann oft wieder zu Insellösungen. Ganz anders das Elektrohandwerk: Nur der Elektromeister hat das Know-how, umfassende Systemlösungen zu planen, zu parametrieren und zu installieren. Es gibt ausgewiesene Smart Home-Spezialisten, die das wirklich können, etwa die System-Integratoren, die mit Gira zusammenarbeiten.

Homenet24.de: Welcher Kommunikationsstandard wird sich Ihrer Meinung nach langfristig bei Smart Home-Systemen durchsetzen?

 

Markus Fromm-Wittenberg: Geht es um kabelgebundene Systemlösungen, so wird das zweifelsohne KNX sein, weil es viele Vorteile hat: Es ist bereits heute der führende Standard, weltweit erprobt, herstellerungebunden und offen für technische Neuerungen, die es noch gar nicht auf dem Markt gibt. Bei Funk-Lösungen ist die Sache nicht so eindeutig, zumal es ja viele Funk-Anwendungen für einzelne Produkte gibt. Als Funk-System dagegen, das ähnlich leistungsfähig wie KNX ist, könnte sich eNet durchsetzen, das gemeinsam von Jung und Gira entwickelt wurde und bereits erfolgreich auf dem Markt ist.

 

Homenet24: Wie gewährleisten Sie die Interoperabilität bzw. Konnektivität Ihres Systems, damit es zukunftsfähig bleibt?

 

Markus Fromm-Wittenberg: Eine wirkliche Interoperabilität für Smart Home gibt es zur Zeit nur im KNX. Hier arbeiten über 400 Hersteller mit der gleichen „Sprache“ und es ist sichergestellt, dass alle miteinander sprechen können. Das funktioniert nicht nur über Branchen hinweg, sondern auch weltweit. Dies bringt dem Nutzer Investitionssicherheit und stellt langfristig, also nachhaltig, die Funktionen sicher – und das schon seit über 25 Jahren.

 

Homenet24: 40 % der Wohnungs- und Immobilienunternehmen wollen bis 2017 Smart Home- oder AAL-Technologien in ihren Liegenschaften einsetzen, sagt eine jüngst veröffentlichte Studie der SmartHome Initiative Deutschland in Zusammenarbeit mit dem GdW Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen und wünschen sich deshalb bessere Möglichkeiten für eine herstellerübergreifende und produktunabhängige Beratung. Wird es dazu in Zukunft in Großstädten eventuell Smart Living-Beratungszentren geben?

 

Markus Fromm-Wittenberg: Im Grunde gibt es diese Beratungszentren heute schon, wenngleich die Ausrichtung eher auf den privaten Bereich ausgerichtet ist. Das sind beispielsweise die über 30 Gira Revox Studio Partner, bei denen sich Smart Home-Anwendungen live erleben lassen. Etliche der Studio-Partner sind gleichzeitig System-Integratoren, die die Kompetenz haben, herstellerunabhängig und produktübergreifend zu beraten. Übrigens: Wer heute schon sehen will, was möglich ist, sollte sich für Connected Comfort interessieren. Unter diesem Dach haben sich führende Premium-Marken der Haustechnik zusammengeschlossen, um gewerkeübergreifend mehr Intelligenz ins Haus zu bringen. Derzeit gehören dazu – neben Gira – Dornbracht, Revox, Miele, Vaillant, Loewe, Brumberg und Warema.

Homenet24: Herr Fromm-Wittenberg, wir danken Ihnen für das Gespräch. 

HINTERGRUNDINFORMATIONEN:

Vor über 100 Jahren gegründet, zählt Gira heute mit über 1.200 Mitarbeitern und Vertretungen in 38 Ländern zu den führenden Mittelständlern der Elektroindustrie in Deutschland. Das Unternehmen produziert Schalter und Steckdosen und bietet darüber hinaus ein breites Spektrum an Elektroinstallationssystemen u.a. für Kommunikationstechnik, Türsprechanlagen oder die Automatisierung von Heizung, Licht und Jalousie.