Vom Energie-Verbraucher zum Energie-Prosumer

August 2017 – Immer mehr Eigenheimbesitzer und auch Mieter möchten zu Energieprosumenten werden und sich weitestgehend unabhängig von der konventionellen Energieversorgung machen. Gute Möglichkeiten hierfür bieten sellbsterzeugter Solarstrom und ein digitales Verteilernetz. Vor allem Start-ups ersinnen neue Lösungen, für die eine vernetzte Gebäudeinfrastruktur notwendig ist. Lesen Sie hier unsere Gedankengänge dazu.

Solarstrom nutzen und digital vernetzen

Totgesagte leben bekanntlich länger. Seit einigen Jahren erlebt die Solarenergie international einen gewaltigen Boom: Mit 21,4 Millionen Kilowattstunden erzeugter Sonnenenergie ist China zur Solar-Supermacht aufgestiegen, in den USA liegt der Anteil solarer Energie am Strommix bei 40 % und in Indien haben alle Solarkraftwerke zusammen eine Kapazität von über 300 Gigawatt. Bis Ende 2015 hat die globale Solarleistung laut Branchenverband SolarPower Europe um das 45-fache innerhalb von nur 10 Jahren zugenommen. In diesem Jahr rechnen die Experten mit einem Ausbau von weiteren 80 bis 103 Gigawatt.

Vernetzte Infrastruktur fehlt bisher

Auch in Deutschland werden fleißig Photovoltaik-Panele auf die Hausdächer gehievt. Allerdings hinkt der einstige Solarweltmeister seinen selbstgesteckten Zielen hinterher: 2,5 Gigawatt sollte die Sonne jährlich liefern. In 2016 wurden es gerade einmal 1,5 Gigawatt. In diesem Jahr könnten es eventuell 2 Gigawatt werden, hat das Fraunhofer Institut kürzlich untersucht. Marktdurchdringung sieht anders aus. Eine “Energiewende” auch. Wobei es nicht allein auf die Stromproduktion ankommt. Ebenso wichtig ist eine vernetzte Energieinfrastruktur, die die eingefangene Sonnenenergie optimal verteilt. Die fehlt jedoch bisher, da der Trassenasusbau langwierig ist und eine dezentrale Energieversorgung technisch höchst anspruchsvoll. Zumal auch die Gebäudeinfrastruktur für die veränderte Energieversorgung im 21. Jahrhundert ertüchtigt werden muss. Denn was nützen “intelligente” Netze, wenn sie in “dumme” Gebäude geführt werden. Hinzu kommmt ein komplexes Geflecht auch rechtlichen und steuerlichen Aspekten. Wer will sich da heranwagen?

Start-ups mischen die Energiebranche auf

Während die Energiedinosaurier die Umstellung auf regenerative Energien nur halbherzig vorantreiben und größtenteils an ihren altbewährten Geschäftsmodellen festhalten, bringen Start-ups frischen Wind in die behäbige Energiebranche. Sie denken Energieerzeugung von der Verbraucherseite. Die Gründer von Polarstern aus München etwa richten sich mit ihrem Konzept nicht nur an Hauseigentümer, sondern auch an Wohnungsunternehmen, damit endlich auch Mieter von günstigem Solarstrom profitieren. Dabei pachtet das Start-up Dachflächen von Wohnungsunternehmen, installiert dort nach Prüfung der Statik die entsprechende Photovoltaik-Anlage, kümmert sich um deren Betrieb und übernimmt das Abrechnungsprocedere mit den Mietern. Pacht plus Zinsen inklusive Festpreisabnahme und EEG-Umlage machen die Sache für alle lukrativ. Der eine macht Wohnen, der andere Energie. So bleibt alles für jeden transparent. Neu dabei ist GridX aus Aachen, die Solaranlagenbesitzer untereinander vernetzen und zu Energieversorgern machen wollen.

Die Zeit nach der EEG-Umlage

Den Community-Gedanken verfolgt auch die Sonnen GmbH. Ihr Konzept sieht ebenfalls vor, dass Strom lokal produziert und verbraucht wird. Darüber hinaus kann der Nutzer überschüssige Energie zwischenspeichern und wenn er möchte, sie verkaufen. Die Digitalisierung macht möglich, dass aus Konsumenten Produzenten bzw. Prosumenten werden. Wie aber lässt sich die smarte Idee realisieren? Philipp Schröder, Geschäftsführer der Sonnen GmbH, hat dazu jüngst im Deutschlandradio ein interessantes Interview gegeben. Der ehemalige Jurastudent denkt das Thema Solarstrom weit über die Zeit der EEG-Umlage hinaus. Denn wenn diese entfällt und davon geht er aus, werde die eigene Stromproduktion und der Verkauf selbsterzeugter Solarenergie richtig spannend. Der eigentliche Solarboom stehe erst noch bevor. Und während die Dickschiffe der Energiebranche noch an tauglichen Geschäftsmodellen für das digitale Zeitalter herumlaborieren, beschäftigt sich Schröder schon intensiv mit der Blockchain-Technologie und deren Möglichkeiten für den Energiesektor.

Vernetzte Gebäude in wenigen Jahren Standard

QDS-Geschäftsführer Reinhard Heymann, der seit über 15 Jahren intelligente Elektrotechnik in Wohngebäuden plant und realisiert, hat das Radiointerview mit großem Interesse gehört. “Tesla-Chef Elon Musk macht uns doch mit SolarCity vor, wohin die Reise geht. Alles vernetzt sich: Das Gebäude mit dem Auto, das Auto mit dem Energiespeicher und der verkauft vielleicht noch automatisch Energie, wenn er voll ist. Gesteuert wird alles über eine digitale Infrastruktur.” Dass das nicht mit einer herkömmlichen Elektroinstallation möglich ist, dämmert immer mehr Hauseigentümern und Wohnungsgesellschaften, die sich von ihm und seinem Team beraten lassen, um die bestmögliche Lösung für eine zukunftsorientierte Gebäudeinfrastruktur zu finden. “Wer neu baut, sollte sein Objekt in jedem Fall gebäudetechnisch auf die Zukunft vorbereiten. Auch wenn Elektromobilität nicht gleich genutzt wird und der Verkauf von selbstproduziertem Strom auch noch nicht möglich ist. In einigen Jahren wird alles das Standard sein und vernetzte Gebäude zum Alltag gehören. Und es wird schneller gehen, als wir alle glauben.”

Text: Dagmar Hotze